Bericht 1 über die Kastrationsaktion 2016

Liebe TINI-Mitglieder und Interessierte,

ich habe für die WDT (Wirtschaftsgenossenschaft Deutscher Tierärzte), die unsere Aktion mit medizinischen Artikeln gesponsert hat, einen Bericht über unsere Kastrationsaktion geschrieben. Hier könnt ihr einen Abdruck lesen.

Fred R. Willitzkat

 

TIERÄRZTE IM NOTDIENST INTERNATIONAL e.V.

Ein Kastrationseinsatz – Los Barrios/Spanien

Am Donnerstag, 7. April treffen wir in Los Barrios ein. Unser Hotel ist klein, abgewohnt, aber mitten im Ort, sauber und – wichtig für Tierschutzorganisationen, die auf Spendengelder angewiesen sind – unschlagbar preiswert.

Edu Gonzales, die hagere, etwa fünfzigjährige Südspanierin, holt uns eine Stunde später ab. Wir wollen heute Abend schon für die nächsten Tage vorbereiten, was vorzubereiten geht: OP-Tische, Material, Tiere. Unsere großen Schalenkoffer sind zu gut zwei Dritteln gefüllt mit Spritzen, Abdecktüchern, Kanülen, Medikamenten und Verbandsmaterial. Silke Franck, Merle Burkhardt, Fred R. Willitzkat und Günter Groth – drei Tierärzte und ein Tierarzthelfer.

Ein Knäuel Hunde erwartet uns schwanzwedelnd und bellend am Tor. Jeder der Hunde will gestreichelt, wenigstens angefasst, wenigstens berührt werden. Gierig drücken sie ihre Nasen durch das grobmaschige Gitter, lecken unsere Hände und quietschen dabei. Nicht nur der Schwanz, der ganze Hund scheint zu wedeln. Nur einige Tiere sind skeptischer, halten sich im Hintergrund und warten ab, was passiert, wenn wir näher kommen. Edu aber wird von allen herzlich begrüßt, den Hunden, den Pflegern.

Zwei Männer in Gummihosen und Gummistiefeln spritzen die Käfige und Freiflächen sauber. Unsere Schalenkoffer rollen über den Beton. Wir begutachten das kleine Gebäude, in dem ein Bad und drei Räume untergebracht sind. Der eine wird unser OP, der zweite Raum wird der Aufwachraum, der dritte wird für die sehr gestressten Hunde zum Einschlafen nach der Narkosegabe leer bleiben müssen. Noch sind alle Räume voller Käfige, Tische und vollgestopfter Regale mit Handtüchern, Verbandsmaterial und anderen Tierheimutensilien. Wir schaffen uns Platz.

Inzwischen haben einige Rüden unsere immer noch im Innenhof abgestellten Schalenkoffer vorbildlich markiert. Von allen Seiten laufen kleine Rinnsale am Koffer entlang. Wir versuchen es so gelassen wie möglich zu nehmen und hoffen auf die vom Hersteller garantierte Wasserundurchlässigkeit unserer Transportbehältnisse.

Die etwa 50 Hunde im Innenhof sind nur ein Teil des Tierheimbestandes. Das Heim war vor wenigen Jahren noch eine Tötungsstation und ist es rein rechtlich immer noch. Doch seit einiger Zeit wird hier kein Hund mehr nur deshalb getötet, weil es zu viele von ihnen gibt. Die Behörden geben Obergrenzen an, die hier geduldet werden. Das sind für Los Barrios etwa einhundert. Zur Zeit ist das Tierheim mit etwa 350 Tieren belegt. Aber so lange von den Behörden niemand kommt, wird die Überbelegung ignoriert. Und selbst, wenn jemand kommen sollte…. Spanien ist nicht Deutschland. Und das ist auch gut so. Edu schmunzelt.

Am nächsten Tag stehen wir um 9 Uhr vor dem Gittertor des Tierheims. Die Pfleger wissen, dass die Deutschen früh anfangen. Aber so früh? Eine gewisse Hektik bricht aus, d.h. eine spanische Hektik, die sich in unserem Breitengrad mit Eile am besten beschreiben lässt. Innerhalb kurzer Zeit ist alles so sauber und geräumt, dass wir anfangen können.

Wir operieren mit einem gewissen Standard. Es gibt keine Klinik, nicht einmal einen OP.

Fast alles ist improvisiert. Sauber zu arbeiten ist so wichtig wie zügig arbeiten zu können. Wir müssen überdurchschnittlich viel Narkosemittel pro Tier verwenden, denn die gestressten Tiere wehren sich mit aller Kraft gegen den Kontrollverlust. Kontrollverlust bedeutet hier im großen Rudel mehr als nur kurz zu schlafen. Wir brauchen eine Zeit, um zu wissen, wieviel des Xylazin-Ketamin-Gemisches die Tiere benötigen, um nicht ständig nachdosiert zu werden.

Eine gründliche Voruntersuchung, wie in Deutschland üblich, ist in vielen Fällen gar nicht möglich. Die Tiere sind selten aggressiv, aber sehr wehrhaft, versuchen sich mit aller Gewalt loszureißen. Eine präzise Untersuchung würde das Tier so stressen, dass das Narkoserisiko steigt. Wir kommunizieren gut mit Edu, Natalia, Edus rechter Hand und mit den Pflegern. Frisst der Hund? Hat er Durchfall? Benimmt er sich auffällig. Um es vorwegzunehmen: Uns stirbt kein einziger Hund in der Narkose, keiner an den Folgen der OP. Es gibt nicht einen einzigen Zwischenfall. Lege artis unter anderen Bedingungen.

Sobald die Tiere in der Narkose liegen, bekommen sie Dectomax, ein potentes NSAID und ein zwei Tage wirkendes Amoxicillin. Gegen Letzteres gab es auch Vorbehalte unter uns. Doch die Gefahr, dass wir hier nicht so sauber arbeiten können, um auf eine Antibiose zu verzichten und der Fakt, dass eine gewisse Kontamination post operationem nicht auszuschließen ist, hat uns dazu bewogen diese Art Vorsorge zu betreiben. Ein Kompromiss, das ist uns bewusst.

Die Sonne scheint. Dass wir in Andalusien sind, davon ist nicht viel zu merken. Hier im Tierheim spielt keine Rolle, ob wir im Westen, Osten, Süden oder Norden von Spanien sind. Vielleicht spielt noch nicht einmal eine Rolle, dass wir in Spanien sind. Hunde in überfüllten Tierheimen sind ähnlich, egal wo. Die Tierheime sind es ebenso. Rostige Drähte, neben leeren oder halbvollen Futterschalen aus Metall oder Plastik, manchmal Babybadewannen, die umfunktioniert sind zum Teil als Liegeschalen, zum Teil als Fressnäpfe. Aus einigen sind Ecken und Ränder ausgebissen oder ausgebrochen. Es ist erstaunlich, wie wenig Hunde aggressiv oder extrem ängstlich sind. Die meisten von ihnen sind selbst nach einer Behandlung und nach den üblichen Zwangsmaßnahmen noch erstaunlich zutraulich, fast alle wedeln wild mit dem Schwanz.

Die Kastrationswunden halten wir so klein wie möglich, die Hautnähte nähen wir innenliegend, so dass selbst, wenn die Tiere ab und zu über die Wundränder lecken, nicht gleich der Faden aufgeleckt wird. Silberspray ist die einzige Wundauflage, die die Tiere bekommen, wenn sie in den inzwischen mit Decken ausgelegten Aufwachraum gelegt werden. Kleine und dünne Hunde werden mit Extradecken zugedeckt. Mit warmem Wasser gefüllte Plastikflaschen werden ihnen zum Wärmen an die Seite gelegt. Innerhalb einer halben Stunde nach der OP stehen die meisten Tiere schon wieder. Immer noch benommen, aber massiv bemüht, die Kontrolle wieder zu erlangen.Ruhe ist oberstes Gebot, aber kaum einzuhalten. Draußen vor dem Haus stehen die Hunde und bellen den gesamten Tag. Nur in einigen ganz kurzen Momenten senkt sich eine gewisse Ruhe über das Tierheim. Doch schon nach wenigen Sekunden, spätestens nach wenigen Minuten kann man wieder sein eigenes Wort kaum verstehen.

In der gesamten Zeit werden uns lediglich zwei Tiere vorgestellt, bei denen sich der Wundspalt ein wenig geöffnet hat. Alle anderen scheinen sich nur wenig oder überhaupt nicht an den Wunden zu lecken. Aus der Erfahrung in Deutschland wissen wir nur allzu gut, wie groß die Gefahr einer Nahtdehiszenz ist, wenn die Tiere keinen Halskragen oder Body bekommen. Die einzige Erklärung, die wir dafür haben: Die Hunde sind hier so abgelenkt in der täglichen Konkurrenz, dass die Wunde am Bauch schnell zur Nebensache wird. Langeweile kommt hier nicht auf, weder bei den Tieren, noch bei uns.

Die beiden Hunde mit der Nahtdehiszenz bekommen zwei Klammern auf die Wunde, die nach etwa zehn Tagen von den Leuten vor Ort wieder entnommen werden.

Katzen und Hunde werden so streng auseinander gehalten wie möglich. Nicht, dass sich Hunde und Katzen nicht auch gut verstehen können, aber der Stress für Katzen, die in der Nähe von Hunden in Narkose gelegt und operiert werden, wäre in vielen Fällen für die Tiere lebensbedrohlich.

So können wir am Samstag und Sonntag die kleine Klinik von Sarah in Algeciras benutzen. Der pure Luxus. Plötzlich haben wir zwei OP-Räume mit OP-Lampen und allem was dazu gehört. Über 60 Katzen warten darauf, kastriert zu werden. Kerrie ist hier diejenige, die Alles in der Hand hat, die Alles organisiert. Kerrie ist Engländerin und hat Alles im Griff. Sie läuft den ganzen Tag, gibt Anweisungen, telefoniert: „Ja, wir brauchen mehr Katzen, holt die von Gonzales. Nein, keine Katzen für Montag. Wir brauchen die Katzen, die bei Luisa eingesammelt wurden, morgen früh…“ Irgendwann in der Mittagszeit hat es Kerrie sogar geschafft, ein lunch zu organisieren. Im Eingang ist auf dem Empfangstresen neben Futtersäcken und Farbtafeln zur Flohbekämpfung ein kleines Buffet aufgebaut: Oliven, Brot, Käse, Mandarinen, Äpfel, Cola, Saft…

Einige der Katzen sind noch in den großen Fallen, mit denen sie gefangen werden. Es ist April und viele Tiere sind trächtig. Wir haben Kätzinnen, die in wenigen Tagen werfen würden, vielleicht schon morgen. Kerrie, die versucht, jede Kreatur zu retten, hat ihren ganz eigenen Standpunkt: „Was passiert mit den Jungtieren? Sie verhungern, weil sie nichts zu fressen bekommen. Sie werden überfahren, weil sie auf der Suche nach Futter über die Straße laufen. Sie sterben an Leukose, FIP oder Katzenschnupfen, denn die Überpopulation lässt keine Gnade walten.“ Es ist schwer, zwischen den ethischen Prinzipien, zwischen unseren eigenen Ansprüchen und zwischen den realen Gegebenheiten einen Weg zu finden, der uns ruhig schlafen lässt.

Mitunter zehn oder zwanzig Katzen streunen um bestimmte Hauseingänge, in denen sie gefüttert werden. Wir kastrieren auch die trächtigen Tiere. Gewöhnen werden wir uns daran nie. Es ist die schmerzliche Einsicht in eine Realität, die wir uns weder wünschen noch ausgesucht haben. Auch nach Wochen und sicher nach Monaten bleibt ein bedrückender Schmerz bei diesem Thema.

Am Sonntag stirbt uns am Vormittag eine Katze in der Narkose. Es ist das einzige Tier während der gesamten Zeit hier. Die Katze hatte in der Trächtigkeit eine Pyometra entwickelt. Der Zustand des Tieres war während der OP so instabil geworden, dass wir sie auch nicht mehr reanimieren konnten. Keiner von uns sagt ein Wort. Leben, Tod, Überleben, Weiterleben sind hier auf so engem Raum aneinandergepresst, dass es schwer wird, zwischen diesen Gefühlen Luft zu holen.

Kerrie will uns trösten und erzählt, dass die Katzen morgen schon wieder in die Freiheit entlassen werden. So richtig kann sich niemand darauf konzentrieren. Jeder hat seine eigenen Werkzeuge, damit umzugehen.

Es ist inzwischen Sonntagnachmittag. Kerrie kommt mit den letzten drei Katzen, die kastriert werden sollen. Sie zeigt auf das pralle Gesäuge des einen Tieres „Sie wurde am Friedhof gefangen und wir glauben, dass sie irgendwo ihre Jungen säugt.“ Hier sind wir uns plötzlich einig. Eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Wir lassen die Katze unkastriert so schnell wie möglich an der Stelle frei, wo sie gefangen wurde. Wenn wehrlose Katzenjunge verhungern, weil wir deren Mutter kastrieren, ist das etwas, was niemand von uns auf sein Gewissen laden kann. Es gibt eine Grenze. Als wir das in der kleinen Gemeinschaft und in einer strikten Gemeinsamkeit für uns etablieren, fühlen wir eine Art Erleichterung. Es ist absurderweise sogar so, dass wir die Kastration trächtiger Katzen damit etwas leichter machen. Für uns.

Die Kastrationen sind das einzige Mittel, die Vermehrung der Tiere zu stoppen, das Leid damit zu mindern, die Tiere vor dem Überfahren werden und vor dem Verhungern nachhaltig zu schützen. Und es ist eine Möglichkeit, die Tiere an neue Besitzer vermitteln zu können.

Nach einer Woche sind wir erschöpft. Und wir sind irgendwie erleichtert. Der Dank der Menschen hier ist riesig. Sie drücken uns und haben kleine Abschiedsgeschenke. Jorge, einer der ehrenamtlichen Helfer aus Los Barrios, lädt uns am letzten Abend zum Essen in eine Bar ein. Wir sitzen und lachen, versuchen uns in gebrochenem Spanisch und gestikulierend verständlich zu machen. Wir überbrüllen das auf großen Bildschirmen übertragene Fußballspiel Wolfsburg gegen Real Madrid. Das Überbrüllen haben wir jetzt gelernt. Das können wir gut. Jorge und seine Freundin Irena versuchen ihr Englisch so einzusetzen, dass wir es verstehen. Für einen Moment tauche ich aus dem Lärm und den Gesprächen weg. Ich bin für einen Moment nicht mehr Teil der Situation, sondern Betrachter und frage mich, warum Jorge, das alles tut. Er, der jeden Monat überlegt, wie er über die Runden kommt, er, selbst nichts davon hat, dass wir hier Tiere aus dem Tierheim kastriert haben. Es muss etwas sein, was Menschen verbindet, was Menschen und Tiere miteinander verbindet. Etwas, was in dem Alltag zwischen Karrieren, Einkommenssteuer und Leistungsanspruch selten in unserem Leben den Weg an die Oberfläche findet.

Kurz vor Mitternacht müssen wir noch unsere Sachen packen. Der Flug geht morgen Mittag ab Malaga. Wir hoffen, dass die Fahrt nach Norden, immer an der Küste entlang, ohne Stau ist. Der Mietwagen muss vor dem Rückflug noch abgegeben werden. Aber bevor wir unsere Sachen einpacken, müssen wir erst einmal unsere Schalenkoffer gründlich abduschen….

Berlin, April 2016               Dr. Fred R. Willitzkat

arbeitet für den Tierschutzverein TINI e.V.

 

 

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